Die Bowl

Neulich ging ich in die grad erst eröffnete Lax Eatery in der Maxvorstadt und bestellte Huevos Rancheros. Die gibts da nämlich und sie sind gar nicht so schlecht. Aber darüber schreibe ich ein anderes Mal. Was es in der Lax Eatery, einem Laden, der mit Glühfadenlampen, alten Holzstühlen, bunt-geringelten Papierstrohhalmen und schmalen Kellnerjungs in engen Hosen und T-Shirt mit Brusttasche aussieht, wie alle Läden, die derzeit in sogenanntem urbanem Umfeld neu eröffnen, noch gab, waren: Bowls.

Bowls sind derzeit, spontane These, das, was in den 90ern Wraps waren. Und was in Flüssigform vor kurzem bzw. immernoch Smoothies sind. Ach, Moment, jetzt wirds verwirrend, denn da gibt es neuerdings sogar eine besonders spezielle Spezialform: Smoothie-Bowls. Wrap-Bowls oder Smoothie-Wraps gibt es zum Glück noch nicht. Wobei, für die Nicht-Existenz für Smoothie-Wraps lege ich meine Hand nicht ins Feuer.

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Na jedenfalls: Ich habe bereits viele Google-Suchen darauf verwendet, herauszufinden, wer diese Sache mit den Bowls unters hippe Volk gebracht hat. Bisher bin ich da nicht klüger geworden. Nähern wir uns der Sache also erstmal anhand einer Begriffsbeschreibung. Wie der englischkundige Mensch weiß, sind Bowls Schalen. Das Verb für das neueste Hobby sogenannter „Foodies“ lautet dementsprechend „Bowling“. Bei dieser Tätigkeit wirft man jedoch keine schweren Kugeln irgendeine gewienerte Holzfußbodenstraße hinunter, sondern stattdessen viele verschiedene, möglichst gesunde Zutaten (Der „Bowling“-„addicted“ „Foodie“ sagt zu gesundem Essen gern: „Superfood“ und findet, das Zutaten wie Acai, Chia, Quinoa oder Goji-Beeren besonders superfoodig klingen) in eine Schale. Und nennt sie daraufhin, je nach Zutaten: xy-Bowl.

In der Lax Eatery gibt es zum Beispiel eine „Rainbow Bowl“ mit Kichererbsen, Karotten, Rotkohl, Mais, Roter Beete, Hummus, Gurke, und einem Lemon Tahini Dressing. Und eine „Taco Quinoa Bowl“ mit Quinoa, hausgemachter Guacamole und Pico de Gallo, Mais, Bohnen, Tacos, Salat und einem Agaven-Limonen Dressing. Im Dimes in New York gibt es die „The Mango Pitaya Breakfast Bowl“, die im Grunde nichts anderes ist, als ein sehr hübsches, buntes Müsli mit Früchten und Fruchtjoghurt. In der Canteen in Oregon gibt es eine „The Bangkok Bowl“ aus braunem Reis, Aduki Bohnen, Brokkoli, Kohl, Avocado, rotem und grünem Curry und Kimchi. Es gibt weltweit in Cafés, Restaurants und Diners wie diesen ähnliche und andere Bowl-Varianten. Es gibt Müsli-Bowls, Smoothie-Bowls (alle Zutaten des Smoothies in einer Schale, denn Smoothie-Zutaten nicht vollständig zu mixen, sondern zu kauen, soll ja nach neu-he-sten wissenschaftlichen Erkenntnissen fast genau so gesund sein, wenn nicht gesünder, wer hätte das gedacht?).

Seine ganz persönliche Formel für eine Bowl, sagt Canteen-Besitzer Brian Heck, sei folgende: „a grain, a green and a bean with a dressing and a sauce.“ Eine Bowl sei immer eine „surprise of flavours and textures“, sagt die Köchin Jessica Koslow aus dem Squirl in Los Angeles. Und Kara Jordan, Besitzerin des Blenders and Bowls, ist dermaßen hin und weg vom Format des Essens in der Schale, dass sie jetzt alles nur noch aus der Schale isst: “There’s something about loading up a bowl with a ton of fresh ingredients and mixing them all around to get the perfect bite every time that I just love. I could eat every meal out of a bowl!”

Nun könnte man natürlich die leise Vermutung aufstellen, dass es sich bei dem Glauben, die Bowl sei etwas fantastisch Revolutionäres, um einen mittelgroßen Irrtum handelt. Dass die Koreaner schon längst das Prinzip der Bowl anwenden, wenn sie etwa Bibimbap zubereiten. Dass jeder Salat, der aus mehr als drei Zutaten besteht, eine Bowl abgibt, und jedes mit Früchten und Joghurt garnierte Müsli sowieso. Dass vielleicht sogar die allwöchentlichen Reste-Essen von Millionen von Studenten-WGs ohnehin einzige, ausufernde, avantgardistische Bowl-Orgien darstellen. Nur hat diesem weit verbreiteten Phänomen, Lebensmittel in einer Schale zu servieren, eben bisher noch nie jemand einen griffigen Überbegriff verliehen.

Was sagt uns die blinde Begeisterung für die Bowl nun über die Zeit, in der wir leben? Vielleicht, dass sich zuviele junge Menschen nach der Schule in die PR-Branche verirren und lernen, Leuten etwas als neu und fancy zu verkaufen, das gar nicht neu und fancy ist? Oder dass die meisten Leute, die sich heute Foodies nennen, kulinarisch vielleicht doch nur auf der Entwicklungsstufe von Uni-Mensa-Ansprüchen hängen geblieben sind und sich also über jedem selbst zubereiteten Gericht aus Reis, Dosenmais und Avocado schon als nächster New York City Trendkoch fühlen? Oder eben, dass die Menschen von heute sich die meiste Zeit furchtbar langweilen und aus dieser Langeweile regelmäßig befreit werden wollen, völlig egal wie, im Zweifel mit so wenig Aufwand wie möglich? Hauptsache, es trägt einen Namen, der irgendwie nach London Bricklane, Tel Aviv Florentin oder Downtown LA klingt?

Man weiß es nicht. Aber vielleicht soll man auch gar nicht immer so gehässig sein und jetzt lieber mal in die Küche gehen und sich das sarkastische Maul mit Farro-Salat  oder Avocado-Nudeln stopfen. Huch? Geht ja auch als Bowl durch! Muss man nur in eine Schale füllen. Nichts leichter als das.

2 Kommentare

  • Schön, daß der Mangel an solider Allgemeinbildung und Kenntnis der jüngeren Geschichte auch anderswo ähnliche Auswüchse treibt.

    Hier das eklatante Fehlen von rudimentären Küchenfertigkeiten, da überlegt man zwischenzeitlich schon für Themen wie Einbrenne und Saucenbinden, ein Seminar zu buchen.

    Die „Maker“ denken ja auch, daß es das Ganze erst seit 3 Jahren anstatt 30 gibt, weil sich 2005 jemand einen schmissigen Begriff dazu ausgedacht hat und auf einmal alle Zutaten inkl. Anleitungen ganz einfach übers Internet zu haben waren.

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