Brot und Blumenkohl

Grässlicher Winter! Viele Menschen neigen ja zur Romantisierung der Kälte. Sie malen sich schon im September aus, wie sie bald in Wollpullover und Schneidersitz vor dem Fenster sitzen, in beiden Händen eine müslischalengroße, dampfende Teetasse halten und verträumt den Schneeflocken hinterher sehen.

Bricht die Kälte dann wirklich über die Lande herein, geht das Leben leider trotzdem weiter wie immer: nix mit Schneidersitz und am Fenster rumhängen. Raus muss man, Termine, Termine, Termine. Im kalten Matsch schlagen die Schuhe Leck, trotz sieben Quadratmeter Wollschal um Kopf und Brust findet sich immer eine Zugstelle, durch die es einem reinpfeift, die Finger verlieren in der Kälte trotz Handschuh ihre Manövrierfähigkeit und auf der Straße schauen einen schon bald nicht einmal mehr die Babys aus ihren Buggys heraus freundlich an. Der Vitamin-D-Spiegel sinkt drastisch, das Gehirn will Winterschlaf, die Gesellschaft will Leistung, und schon bringt einem morgens die Depression keinen Kaffee ins Bett.

Gegen Winter hilft nicht viel, außer: Schlaf und Essen

Da hilft nicht viel. Außer: Essen. Das wussten bereits die Bauern der Toskana, die trotz ihrer lieblichen Landschaften eisige, raue Winter kennen. Und so wurden sie die Meister des materialisierten Wintertrosts in der Schale: der kulinarischen Gattung des Eintopfs.

Wer aber keine Zeit hat, sich abends erst ewig eine Brühe aufzusetzen, Bohnen zu rüsten, Gemüse zu schneiden und alles ewig kochen zu lassen, dem sei hiermit einer der schnellsten und befriedigendsten Eintopf-Alternativen überhaupt empfohlen: Man nehme altes Weißbrot und schneide es in Scheiben. Man reibe diese Scheiben von beiden Seiten mit eine aufgeschnittenen Knoblauchzehe ein. Währenddessen koche man Blumenkohl in gesalzenem Wasser weich. (Er soll dabei nicht zerfallen, aber er soll ausnahmsweise auch nicht zu bissfest bleiben. Wir wollen ihn später zerdrücken und da stört eine zu feste Konsistenz.)

Klingt fad, ist null fotogen, aber der Himmel auf Erden in Sachen Wintermahlzeit

Man schichte nun das Brot und den Blumenkohl wie eine Lasagne in einer mittelgroßen Schale: immer zwei Scheiben (oder je nach Größe der Scheiben auch nur eine) Brot, etwas Blumenkohl drauf und eine halbe Kelle vom aromatischen Blumenkohl-Kochwasser, denn das Brot soll aufweichen. Und wieder von vorn.

Zum Schluss wird ein Schuss (oder nach Belieben auch mehr) bester Rotweinessig und außerdem sehr großzügig Olivenöl über das Werk gegossen. Und auch hier gilt: unbedingt ein sehr, sehr gutes, sehr kräftiges, am besten natürlich toskanisches. Das ist wichtig, denn (wie eigentlich immer) lebt dieses in seiner Einfachheit kaum mehr zu unterbietenden Gericht von der Qualität seiner Zutaten.

Dann: Zwei Löffel nehmen und mit gekreuzten Händen anfangen, alles zu vermengen. Mit Salz, Pfeffer und wenn nötig auch noch etwas Rotweinessig abschmecken. Die entstehende Masse ist zugegebenermaßen alles andere als fotogen, aber der Himmel auf Erden in Sachen befriedigende Wintermahlzeit. Und jetzt ab ans Fenster damit und im Schneidersitz den (wahrscheinlich gar nicht vorhandenen) Schneeflocken hinterher sehen. Und wer nicht alles schafft: Kalt schmeckt’s am nächsten Tag fast noch besser. Und das soll was heißen.

 

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