Die Liebe

Letztens hatte ich Durst. Ich bin in einen Getränkemarkt gegangen. Auf dem Etikett einer Sorte Fruchtschorlen eines großen bayerischen Getränkeproduzenten stand: „Mit Liebe gemacht“. Plötzlich wollte ich keine Schorle mehr, sondern Kaffee. Ich war auf einmal so müde.

„Mit Liebe gemacht“ ist die Konsum-Formulierung des Jahrzehnts. Man googele „Mit Liebe gemacht“ und klicke erst auf Web, dann auf Google-Bildersuche. Es wird einem ganz schummrig. Das ganze Internet ein Ein-Euro-Shop der Liebe. Wahrscheinlich gibt es auch bald eine „Mit Liebe gemacht“-Serie eines Rexona 72h-Deosprays, eine „Mit Liebe gemacht“-Klopapier-Sonderedition und „Mit Liebe gemacht“-Staubsaugerbeutel-Linie für den Vorwerk-Kobold. Und es ist ja nicht nur die derzeit  beliebteste Floskel der Werbeindustrie. Auch unter Nicht-Werbeleuten hat sie Hochkonjunktur. Die Leute lieben derzeit alles, was ihnen ganz gut gefällt. Zugegebenermaßen ist das schon so, seit McDonalds 2003 mit seinem „Ich liebe es“ in die deutschen Städte zog. Aber mit der Verwendung der kleinen geschmeidigen Verbform des großen Worts ist es längst vorbei. Liebe kann jetzt nur noch als inflationärer, alles plattwalzender Substantiv stattfinden. „Große Schuh-Liebe“, „Große Schlauchboot-Liebe“, „Große-Limo-Liebe“, scheißegal, hauptsache „Große xy-Liebe“ – das ist die neue Sprachformel, wenn man ausdrücken will, dass man etwas gut findet oder haben will.

Eigentlich wäre das egal. Wenn es nur nicht so fürchterlich ermüdend wäre. Wenn man nicht das Gefühl hätte, dass die Leute ihre eigene Einfallslosigkeit nicht für fünf Cent bemerken. Seit Jahren werden für alles, was jung und interessant sein soll, die immerselben Möbel und Wandfarben und Attribute und Wortstücke benutzt. Shabby, handmade, Pop up, Guerilla, made with love, klein aber fein, DIY, fuck the Backmischung, usw etc pp. Alles schreit: „Hallo hallo hallo, hier wir sind auch jung und global stilbruchversiert und wissen wie es geht und hier ist was das sieht ein bisschen selbstgemacht aus und ihr wisst, was das heißt, es ist total authentisch und mit Liebe gemacht und man kann es nicht schlecht finden, denn niemand findet Authentisches schlecht und erst recht findet niemand Liebe schlecht!“

Stimmt ja auch. Niemand findet Liebe schlecht. Liebe ist wie Wasser, man braucht sie zum Überleben. Deshalb sollte man sie auch nicht kaufen müssen. Wasser kann man jedenfalls kaufen. Hier, 1,50 Euro, danke, Wasser gekauft, gulp, ausgetrunken, ja, es war Wasser, ich schwöre. Liebe kann man nur draufschreiben. Drin ist sie nie. Dinge werden nicht zu dem, was man draufschreibt, nur weil man es draufschreibt. Diesen Satz kann man nicht oft genug sagen. Man sollte ihn auf ein T-Shirt drucken.

Zurück zur Limoflasche des bayerischen Getränkeherstellers. Man würde das Liebesetikett so gern als Witz deuten. Supermarkt-Kunst. Es wäre ein hübscher, zeitgeist-ironischer Limoregal-Kommentar. Denn das fragt sich ja wahrscheinlich noch der unaufmerksamste Limokunde: Warum haben die diese gentrifizierte DIY-Allerweltsformel jetzt nur auf diese eine neue Limo gedruckt? Sind die anderen, aus derselben Riesenfabrik stammenden Schorlen daneben mit weniger Liebe hergestellt? Beziehungsweise: Welchem einzigartigen Abfüllroboter haben sie wohl das entscheidende Herz eingepflanzt, das jetzt am laufenden Band diese eine Liebeslimo produziert?

Ich habe sie am Ende sogar probiert. Ich hatte ja Durst und ich dachte, ich müsse wenigstens probieren über was ich mich so fürchterlich aufrege. Leider konnte ich nur einen Schluck trinken und musste mir dann eine ganz normale Johannisbeerschorle kaufen, um den Rest meines Durstes zu löschen. In der Limo mit der Liebe war viel zu viel Süßstoff drin. Von Zeug, wo Süßstoff drin ist, kriegt man ja meistens diesen stumpfen, hohlen Nicht-Geschmack am Gaumen. Es war ein schwüler Tag. Ich sah in den weißen Himmel und dachte: Schreib keinen ganzen Text über die Gentrifizierung des Liebe-Begriffs. Schreib einfach nur: Von der Limo mit der Liebe blieb nichts als ein hohler Nachgeschmack.

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