Eataly in München

Gestern fand die Presse-Eröffnung der ersten Eataly-Filiale in Deutschland statt. Eataly ist ein Laden, der bräuchte überhaupt keine Presseabteilung und auch keine Presseevents. Jedenfalls wenn es nach uns ginge. Wir verehren ihn und sein Konzept so sehr, dass wir, wie der regelmäßige Leser dieses Blogs weiß, sogar auf die Mailänder Expo gehen, nur um zu sehen, was für einen  Freizeitpark aus möglichen Essens-Orgien man dort im Namen Eatalys aufgebaut hat.

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Na jedenfalls: Jetzt ist Eataly in München, und füllt die ganze Schrannenhalle mit seiner Liebe zu italienischem Essen oder dem, was man braucht, um es sich zuzuführen. Neben Abgepacktem und frisch Zubereitetem gibt es auch Bücher und Kochgerätschaften und Eiscreme und Wein. Und auch einen Fahrradladen der italienischen Marke Bianchi. Die hat mit Essen nichts zu tun, und scheint hier trotz fadenscheinigem Stadtmotto (München stehe angeblich für Mobilität) völlig fehl am Platz zu sein. Aber es sei Eataly verziehen.

Die wirklich beeindruckenden Features des Ladens sind eh woanders zu finden. Zum Beispiel in den unzähligen Mitarbeitern. Den uritalienischen Pizzabäckern und Nudelknetern und Brotbäckern und Eismachern und Mozzarella-Machern (ja, es gibt eine hauseigene Mozzarella-Produktion). Presse-Event-bedingte Herausgeputztheit hin oder her, aber dass ihnen allen die heiße Liebe zum Essen und zu guten Produkten nur so durch die Venen schießt, spürt man sofort. Da kann man stundenlang an ihren Thementresen rumstehen und ihnen beim perfekt beherrschten Handwerk zusehen. Und sich angesichts ihres parallel betriebenen italienischen Parlierens und Geträllers gleich doppelt in sie verknallen.

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Ein paar Sachen kann man schon mal festhalten: Bei Eataly wird es ab jetzt ziemlich sicher die beste Pizza Münchens geben. Vielleicht auch die beste Nudel, zumindest jenseits vom Aquarello. Es gibt fantastisches Brot und Eiscreme und Käse und Fleisch und unzählige Produkte italienischer Manufakturen oder Slow-Food-Produzenten, die man sonst nicht in München kriegt. Das ist toll und außergewöhnlich und immer wieder ein Argument, hier einkaufen zu gehen oder für einen Snack einzukehren, wenn man in der Gegend ist.

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Noch nicht entdeckt haben wir ja leider Stracciatella di Bufala – die cremige Vorstufe eines Büffelmozzarellas bekommt man in München unseres Wissens nirgends. Seit wir sie in Mailand das erste Mal gegessen haben, vermissen wir sie hier schmerzlich. Aber noch bleiben wir zuversichtlich: Vielleicht wird es sie ja in den Kühltheken geben, von denen einige heute noch nicht aufgefüllt waren.

Und sonst? Die Buch- und Kochgerätauswahl ist beim Kustermann gegenüber um Längen besser. Warum das fantastische Standardwerk How to Eataly hier nicht überall ausliegt, weiß wahrscheinlich nur der Verlag, der den Buchshop betreibt und anscheinend lieber öffentlich-rechtliche Fernsehkochbücher verlegt. Dass sich zwischen all den fantastischen Lebensmitteln eine Nutella-Bar erhebt, gibt auch Rätsel auf. Vor allem, weil im Pressetext vom unsterblichen Nutellabrot die Rede ist, das auch dann, wenn es als frisches Eataly-Brot verkleidet ist, immer noch nicht richtig in die viel gepriesene Qualitätsphilosophie passt. Da nimmt man sich lieber die viel interessantere Schokoladencreme des traditionsreichen Schokoladenproduzenten Venchi im Untergeschoss mit.

Und das mit dem frischen Obst und Gemüse unter hübschen Markisen, die einen Marktstand imitieren wollen, ist gut gemeint. Für frische, und vor allem auch typisch italienische Gewächse, wie man sie hier eigentlich erwarten würde, ist der benachbarte Viktualienmarkt aber die glaubhaftere Adresse. Ähnlich verhält es sich mit all den lokalen Münchner Produkten: Dass man zum Beispiel den Mozzarella hier frisch aus regionaler Milch vor Ort zubereitet, ist absolut sinnvoll und sympathisch. Aber keiner wird für ein Aqua Monaco Wasser oder einen Ammerseer Fruchtsaft oder einen The Duke Gin zu Eataly gehen wollen.

Die Campari-Bar im Mezzopiano wirkte gestern noch etwas karg. Aber gut – wenn sie eine Veranstaltungsfläche draus machen und regelmäßig gute Konzerte spielen, so wie es etwa in Mailand passiert, dann sei auch sie gerechtfertigt. Wir werden nie vergessen, wie eines Sommerabends der Eataly Smeraldo regelrecht vibrierte vor Publikum und guter Laune und Speisenden und Gesang und Musik. Das war fast, als hätte jemand zu einer Sturmfrei-Party in den Laden seiner Eltern geladen. Man hat sich beinahe schon gefragt, ob das überhaupt legal ist, so ein entfesselter Radau in einem, naja: Geschäft. Es war wunderschön.

Aber können das die Münchner? Das muss man ja auch sagen: Bei aller unbändigen Freude darüber, dass dieses leidenschaftliche Ladenkonzept jetzt endlich auch nach Deutschland vorgerückt ist, bleibt abzuwarten, ob der Geist hier überlebt und nicht eingeht.

Es wäre allen nur zu wünschen: Der leidenschaftlichen Geschäftsführung Eatalys, dem manchmal viel zu unentspannten, übereffizienten Münchner Gutsituiertentum. Oh, und um das nicht zu vergessen: Vor allem aber auch ist es natürlich der wunderschönen Schrannenhalle zu wünschen, die ja seit ihrer Wiedereröffnung im Jahre 2005 unter einer Art Fluch stand: Kein Laden, der hier bisher gastierte, hielt durch. Hoffen wir, dass es Eataly gelingt. Ab 26. November ist für alle geöffnet.

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