Die Kochbox

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Jedes Mal, wenn ich durch die Hohenzollernstraße spaziere, wundere ich mich über einen Laden namens Kochhaus. Rein optisch wirkt er wie eine Mischung aus Boutique für Naturkosmetik und Tagesbar im rustikal-verträumten Landhaus-Stil. Dass es in Wirklichkeit ein Lebensmittelmarkt für Möchte-Gern-Köche mit viel Geld, wenig Zeit und zweifelhaftem kulinarischen Anspruch ist, erkennt man auf den ersten Blick nicht. Ist aber so. Hier kann man eigens vom Kochhaus vorgeschlagene Rezepte samt Zutaten kaufen und zwar auf Maß. Heißt, man bekommt exakt die für das ausgewählte Rezept benötigte Menge an Zutaten. In einer beiliegenden Bedienungsanleitung wird dann Schritt für Schritt erklärt, wie man aus den vorliegenden Zutaten zuhause das Gericht kocht.

Als dieses sogenannte Kochhaus eröffnete, empfand ich zuerst Mitleid mit seinen Erfindern. Ich dachte, das sei wieder so ein ambitioniertes Geschäftskonzept für eine wohlhabende urbane Zielgruppe, die so klischeehaft dann doch nur in den Köpfen minder erfolgreicher Werbeleute existiert. Doch ich hatte mich geirrt. Kochhaus ist seit Jahren sehr erfolgreich und das nicht nur in München. Es gibt die angesprochene Zielgruppe wirklich: Menschen mit viel Geld und wenig Zeit, die weder kochen noch einkaufen können und vermutlich auch gar keine Lust darauf haben. Die vom ewigen Auswärtsessen aber gelangweilt sind und außerdem mitgekriegt haben, dass Selber-Kochen jetzt wieder als cool gilt und die sich es sozialprestigemäßig nicht leisten können, auf diesen Trend nicht aufzuspringen. Solche Leute gehen zu Kochhaus und kaufen dort ihr Malen nach Zahlen, äh, pardon, ihr Kochen nach Rezept-Puzzlepaket.

Und wenn sie nicht zu Kochhaus gehen, dann bestellen sie wahrscheinlich eine Kochbox. Kochboxen sind das Gleiche wie das Kochhaus, nur als Lieferservice. Je nach Anbieteroptionen werden diese mit aufwendigen Kühlakkus und jeder Menge Verpackungs- und Paketpolstermüll ausgestatteten Boxen ein- bis mehrmals die Woche für einem recht forschen Preis zu einem nach Hause gefahren. Die Anbieter solcher Kochboxen tragen so moderne Namen wie Hello Fresh, Schlemmertüte, Kochzauber, KommtEssen, etc. und sie vermitteln ihren Kunden offensichtlich das schöne Gefühl, jemand zu sein, der kochen kann.

Das Gute ist, Kochboxen sind eine ganz und gar freiwillige Angelegenheit und damit Geschmackssache. Für mich sind sie nichts. Ich möchte das, was ich kaufe, selbst auswählen. Tomate ist nie gleich Tomate und Knoblauchzehe nie gleich Knoblauchzehe. Ich möchte mein Essen von niemandem rationiert haben und auch nicht vorgeschrieben bekommen, was ich daraus kochen soll. Vor allem nicht, wenn ich mir für denselben Preis eventuell qualitativ hochwertigere Zutaten und davon soviel besorgen könnte, dass ich auch in den folgenden Tagen noch etwas zu essen hätte.

Das Unselbstständige, das dem Kochbox-Konzept anhaftet, befremdet mich. Die Vorstellung, bei jemandem zum Essen eingeladen zu sein, der sich beim Kochen aus einer Kochbox bedient und mir einen Wein anbietet, der als der angeblich passende mitgeliefert wurde, finde ich radikal abtörnend. Ich hätte ja Angst, dass es gleich auch noch an der Tür klingelt und seine Mama vorbeikommt, um die gewaschene und gebügelte Wäsche vorbeizubringen.

Nicht Geschmackssache ist, dass der Trend zur Kochboxmentalität eine Menge über den herrschenden Zeitgeist aussagt. Kochboxen sind, wie schon modernes Fastfood, die Elektrozigarette, die Komplettfahrradschutzausrüstung samt Helm, Knieschützern und Warnweste, wie schon fettfreie Milch und zahlreiche andere Absurditäten der Konsum- und Erlebniswelt, nur mehr ein weiterer Auswuchs einer schon 2003 von Slavoj Zizek in seinem Buch „Die Puppe und der Zwerg“ beschriebenen seltsamen Entwicklung des Marktes: Er bietet neuerdings immer mehr Produkte an, die von ihren als negativ empfundenen Eigenschaften befreit sind. Kochboxen geliefert kriegen ist demnach Einkaufen ohne Einkaufsaufwand, Kochen ohne Kochaufwand und vor allem Kochen ohne Kreativität und Experimente. Menschen, die Kochboxen bestellen, denke ich, haben auch Sex ohne Sex. Clean, effizient, schnell und vor allem: Seelenlos.

Und das ist es, was mich an diesem Konzept so gruselt. Menschen, die es nutzen, stelle ich mir vor wie die Avatare aus dem Computerspiel Sims, falls das noch jemand kennt. Oder wie Menschen, die man auf Modellplänen von Architekturbüros sieht. Plastikmenschen, Robotermenschen, Menschen, wie aus der Rama-Werbung. Menschen, deren größtes Abenteuer im Leben darin besteht, sich bei Dean&David in der Mittagspause aus den verfügbaren Toppingvarianten einen individuellen Salat zusammenzustellen. Menschen, die sich in einem zehn Kilometer entfernten Fitnessstudio Trainingspläne erstellen lassen, obwohl sie an einem riesigen Park wohnen. Menschen, die immer nur das kaufen, was ihnen im Internet unter der Rubrik „Das könnte auch zu Ihnen passen“ vorgestellt wird. Menschen, die Schwangerschaftsyoga bei Yoga, Mami und me machen und die bei Hans im Glück Burger essen gehen und denken, nur weil da Birken im Raum stehen, seien sie im Wald. Zusammengefasst: Menschen, die vor lauter Streben nach Komfort und Effizienz die Anwendung ihres gesunden Menschenverstandes vergessen haben.

Bliebe nur noch eine Frage. Warum zur Hölle ausgerechnet Jamie Oliver, seines Zeichens selbsternannter Food-Pädagoge mit dem Spezialauftrag „Menschen zum kulinarischen Selberdenken und Experimentieren erziehen“, Werbung für die Hello Fresh-Kochbox macht. Man könnte jetzt natürlich zu seiner Verteidigung sagen, dass die Kochbox immerhin jenen Menschen, die noch nie zuvor selbst eine Karotte kleingeschnitten und verkocht haben, dazu animiert, dies nun zu tun. Wenn es ihnen so die Tiefkühlkroketten und das Iglu-Schlemmerfilet abgewöhnt, ist ja schon viel erreicht. Nur: Zu welchem Preis?

7 Kommentare

  • Perspektivwechsel – Fehlanzeige. Da stelle ich mir einen mittzwanziger Single vor, der von sich GLAUBT, kochen zu können, wenn ich den Autor dieses Beitrags verinnerliche. Schlechte Recherche zu einem sich wandelnden Lebensstil, der nicht zwangsläufig urban sein muss. Der berufstätigen Mutter in der Kleinstadt wird mit einer Kochbox ein bisschen Freiraum geschenkt….und Zeit – für und mit den Kindern, die gerne auch mal was anderes als Leipziger Allerlei mit Hackbraten essen wollen!

  • Eine Kochbox bedeutet vorallem den eigenen Horizont zu erweitern. Nach über 30 Kochboxen verschiedener Anbieter sind wir sehr viel vielseitigere Köche und haben viele tolle neue Rezepte in unser Repertoire übernommen, die wir nie aus einem Kochbuch gekocht hätten.
    Sogesehen ist es genau andersherum, wie oben beschrieben.

  • Die Argumentation ist wirklich mehr als abenteuerlich. Mir ist jetzt nur nicht ganz klar ob Blanca sehr sehr neidisch auf das Geschäftsmodell ist oder den Kochhaus/Kochbox Kunden den Genuss der selber zubereiteten Mahlzeit nicht gönnen kann.
    Wie Blanca die Brücke zum Sex schlägt – großartig – da schreibt wohl jemand der viiiiiiel Sex mit Gemüse hat ;-)

  • Ich bin wirklich überrascht über den sehr negativen Ton des Artikels, und frage mich, was der Hintergrund dieser Tirade ist? Neid, dass andere Menschen sich das leisten können? Ich selbst koche gern und habe noch nie etwas bei Kochhaus gekauft oder bei einem dieser Lieferanten bestellt, aber ich hätte auch nichts dagegen, dies in Zukunft einmal auszuprobieren. Ob der Autor oder die Autorin dieser Zeilen wirklich so kreativ kocht?
    Mit diesen abgepackten Boxen wird man wahrscheinlich in kurzer Zeit mehr neue Zutaten probieren, als man sonst in einem Jahr gekauft hätte. Wahrscheinlich lernt man auch neue Methoden und Küchentricks kennen. Außerdem werden es die meisten eher als Vorteil sehen, dass keine Reste übrig bleiben. Ich kann mir gut vorstellen, dass man die Rezepte aus einer Box später auch auf eigene Faust kochen kann, wenn man will. Also im Grunde lernt man dadurch neue Rezepte. Ich kenne kaum Leute, die wirklich kreativ genug sind, um völlig neue Rezepte zu erfinden, die komplexer sind als ein selbst erstellter Pizzabelag oder eine Pastasauce. Was ist an diesen Boxen also so viel anders, als wenn man ein neues Rezept aus einem Kochbuch versucht? Außer dass viel weniger Arbeit mit dem Kauf der verschiedenen Zutaten verbunden ist?
    Zusammenfassend bleibt eigentlich nur der Preis problematisch. Dennoch, was ich bei Kochhaus gesehen habe, gibt es dort oft spezielles Fleisch und exotische Zutaten, die man natürlich nicht um den Preis einer Fertigpizza bekommen kann. Wer wirklich daheim mit gehobenen Ansprüchen kochen will, der weiß, dass das auch mit selbst gekauften Zutaten alles andere als günstig ist. Gerade für Singles. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass man mehr bezahlt, wenn man versucht, alles selbst zu kaufen, weil man dann natürlich nicht nur einen Teelöffel Gewürz oder eine einzige Knoblauchzehe kaufen kann. Und dann hat man diese ganzen Reste daheim, die man vielleicht nie wieder braucht, weil es nicht geschmeckt hat.

    • Liebe Durchschnittsköchin,

      danke für deinen Kommentar. Ich kann deine Haltung meiner „Tirade“ gegenüber gut verstehen. Natürlich ist die Kochbox auf den ersten Blick Geschmackssache.

      Wenn du den Text noch einmal aufmerksam liest, wirst du aber feststellen, dass ich das auch genauso schreibe. Dass ich aber auch schreibe, dass sie auf den zweiten Blick eben vielleicht doch nicht nur Geschmackssache ist, sondern auch eine Menge über den Zeitgeist aussagt. Und darauf baue ich meine Kritik auf, weil das etwas ist, das mich gruselt. Sie ist irgendwie so symbolisch für diesen absoluten Effizienzwahn unserer Zeit. Ich mag jetzt nicht alles wiederholen, es steht wirklich deutlich genug im Text. Es geht da ja auch um so eine Kompetenz des eigenverantwortlichen Wirtschaftens, Stichwort: „Es bleiben keine Reste übrig“. Ja, das mag zuerst nach einem super effizienten Vorteil klingen. Aber andersrum gedacht: Was für eine großartige, jahrhundertealte kulinarische Kulturpraxis ist denn bittesehr das Resteessen? Aus der Notwendigkeit bzw Möglichkeit des Reste-Verwertens sind unfassbar viele tolle, aufregende Gerichte entstanden.

      Ich finde die Fähigkeit zum eigenverantwortlichen Einkaufen und auch das Wissen darum, was und wie viel man wann von etwas braucht, schon sehr wichtig für das Leben als mündiger Mensch. Und wer es zeitlich nicht schafft, einkaufen zu gehen, der sollte sich vielleicht fragen, warum das so ist und ob er da wirklich nichts dran ändern kann. Ob er sich evtl. seinem Job zu sehr unterwirft etc. Das Thema eröffnet halt wirklich zahlreiche Diskussionsansätze zur Frage, wie man eigentlich leben will und zu vor allem zu welchem Preis. Da kann man sich herrlich streiten (und landet sicher oft bei dem Fazit „Geschmackssache“). Aber schau, deshalb ist mein Text vielleicht wichtig und gut, auch wenn er nicht deiner Meinung entspricht. Er provoziert, dass die Menschen drüber nachdenken.

      Liebe Grüße und danke nochmals für deinen Beitrag,

      Blanca

  • Hallo Splendido-Team,

    ich frage mich ob und wie ich an eure Rezepte rankommen kann?

    Gibt es ein Buch?

    Bestelle ich immer die Kochbox?
    Freu mich auf eure aufklärende Antwort, liebe Grüße Birgitta

    • Hallo Birgitta,

      leider gibt es kein Buch – noch nicht zumindest. Aber du kannst ja einfach hier alle Rezepte nachkochen.
      Ob du dafür (oder wofür auch immer) eine Kochbox bestellen willst, musst du selbst wissen. Ich würde davon abraten.

      Viele Grüße!

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