Tomatensalat

Ich besitze ein Buch namens „Physiologie des Geschmacks„, in dem ein sehr tafelfroher Autor namens Anthelme Brillat-Savarin allerlei gastronomische Meditationen  anstellt. Er schreibt darin so kluge Sätze wie: „Gleichgültig ob der Mensch ruht, schläft oder träumt, er steht immer unter dem Einfluss der Gesetze der Ernährung und kann niemals das Reich der Gastronomie verlassen.“ 

Oder: „Ein schlecht ernährter Mensch kann nicht lange den Anstrengungen fortgesetzter Arbeit widerstehen. (…) Handelt es sich um geistige Arbeit, so entstehen nur kraftlose und ungenaue Gedanken, der Verstand weigert sich, sie aneinanderzuketten und die Urteilsfähigkeit, sie zu analysieren. Das Gehirn erschöpft sich in vergeblichen Anstrengungen, und so schläft man schließlich auf dem Schlachtfeld ein.“

Ich weiß genau, wovon der Mann spricht. Mir ist, wenn ich vor einem weißen Blatt Papier sitze und einen Text schreiben muss, oft urplötzlich sehr hungrig zumute. Ich fürchte auf meinem persönlichen Schlachtfeld einzuschlafen, wenn ich mich nicht sofort in die Küche begebe und anfange zu kochen. Je mulmiger mir an solchen Tagen angesichts des weißen Blattes ist, desto größer und unstillbarer wird mein Hunger und manchmal muss ich leider den ganzen restlichen Tag in der Küche verbringen und dermaßen übertrieben kochen, als erwartete ich abends 15 Gäste. Ich muss das Arbeiten dann zwangsläufig auf die Nacht oder den nächsten Tag schieben, was natürlich ungünstig ist, denn am nächsten Tag habe ich ja wieder Hunger, nur leider aufgrund der am Vortag ausgereizten Deadline eigentlich keine Zeit mehr, ihm nachzugehen.

An solchen Tagen retten mir Gerichte wie dieser bescheidene, aber irre befriedigende Tomatensalat das Leben. Er dauert genau dreieinhalb Minuten in der Zubereitung. Man nehme einige kleine, knallrote, honigsüße Tomaten, halbiere oder viertle sie je nach Belieben, hacke eine Schalotte oder in meinem Fall eine sehr junge Tropeazwiebel und etwas frisches Basilikum und werfe alles in eine Schale. Dann gibt man ein paar kleine Klackse Ricotta dazu, am besten Büffelricotta, denn der setzt mit seiner zarten, blumigen Würze noch eine ganze Geschmacksebene obendrauf. Olivenöl und etwas alten Balsamico drüber, ein Hauch Salz dran, ein getoastetes oder geröstetes Weißbrot anbei und schnell zurück an den Schreibtisch.

PS: Das Buch, aus dem ich zitiere, habe ich übrigens vor Jahren in dem sehr empfehlenswerten Antiquariat von Petra Hammerstein in der Türkenstraße gefunden. Was ich damals noch nicht wusste: dass sie unter dermutanderer.de selbst ein kulinarisches Tagebuch führt.

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