Gegenstand: Laber mich nicht voll

Lange habe ich gedacht, man müsse es nur ein wenig ignorieren, dass Smoothies einem erzählen, wie gesund und fresh sie einen machen, Schokoladen in kleinen auf ihre Verpackung draufgedruckten Sprechblasen erzählen, wie gut sie schmecken, Burger-Ladenfronten oder Cafés einen mit kecken Sprüchen ankumpeln und so weiter. Ich dachte: Irgendwann hört das auf. Nur ein Trend der Werbeindustrie, gib ihm drei Jahre und er ist rum.

Aber nichts da. Egal wohin man schaut, es wird immer mehr. Überall labern einen Banderolen oder Etiketten voll mit Intentionen und Lebensweisheiten, sogenannten “motivational quotes”. Erstaunlich eigentlich, dass auf dem Umzugskarton, der in diesem Moment neben meinem Schreibtisch steht, noch nicht steht: „Hi, ich bin ein Umzugskarton, tu einfach alles in mich rein, was du mitnehmen willst – und hey, ich bin vielleicht schwer, aber manchmal darf man eben keine Mühen scheuen, wenn man etwas verändern will. Nur wer sich bewegt, verharrt nicht im Stillstand! Raus aus der comfort Zone, honey!“ Wundern würde es mich nicht.

Neulich war ich in einem sehr modernen, frisch von jungen modernen Menschen eröffneten, sogenannten „Grand Hotel“ in Wien. Ich glaube, die Besitzer wollten, dass in ihrem Hotel alles so ist wie in einer Mischung aus Grand Budapest Hotel und La Grande Bellezza, was ich sehr gut verstehen kann, denn beide Filme sind von beneidenswerter ästhetischer Magie. Aber weil die jungen Hotelmacher aus Wien anscheinend Zweifel hatten, ob ihre Gäste den Style des Hotels auch wie gewünscht rezipieren, wenn es ihnen nicht mit dem Vorschlaghammer vermittelt wird, haben sie zum Beispiel „Begnadet für das Schöne“ auf ihre Eingangstür geschrieben und ihre Bar “Gulasch & Champagne” genannt. So in der Art war dann leider auch das ganze Hotel. Vom als Portier verkleideten Schluffi ohne Manieren über den als ledernen Grandezza-Aufzug verkleideten Klapperflaschenzug, die als eistruhengroßes, ledernes Whiskey-Monstrum verkleidete XXS-Miniatur-Minibar und das als fünf-Sterne-Suite-Schlafthron verkleidete Kare-Bett.

Ich bin erstmal duschen gegangen. Aber da ging das Gelaber weiter. Auf meinem Duschgel stand sinngemäß so etwas wie: „Hallo, willkommen in dieser verrückten Stadt namens Wien, dieses Shampoo wäscht dich rein von den Spuren deiner wilden nächtlichen Eskapaden und macht dich überhaupt ganz frisch und clever.“ Ich fühlte mich nackt und schutzlos, aber ich sagte mir: Bald ist der Spuk vorbei. Nur eine Erfindung der Werbeindustrie. Das hält nicht an.

Dann war ich neulich auch noch im Bikini Berlin. Am Eingang dieses Kaufhauses steht „Inspire my brilliance pleasure touch kunst“. Ich musste mir den Corporate Design Chef für das Bikini Berlin vorstellen, wie er zu einem Mitarbeiter gesagt hat: „Mach da mal sowas hin, wo die Leute grad so cool finden, weißt schon, so mit, keine Ahnung, irgendwie so diese Codewörter halt, sone nice Botschaft, sowas bisschen Kunst und Yoga und Glaub an dich und Sei kreativ oder so, aber mach mal englisch und bisschen mehr auf art auch wegen Berlin und so.“

Easy, hat sich der Mitarbeiter gedacht und erstmal „Inspire my brilliance“ hingeschrieben. Dann ist ihm nix Zusammenhängendes mehr eingefallen. Er ist einen Smoothie trinken gegangen, hat Instagram gecheckt und sich aus dem großen Fenster des Einkaufszentrums die Affen im Zoo angeschaut, und gedacht: Ich mach da jetzt einfach so Wörter hin, hashtagstyle, hauptsache message halt. Und fertig war der große Schriftzug „Inspire my brilliance pleasure touch kunst“. Für alle was dabei, ist ja auch wurscht, wissen alle wo gemeint ist.

Aber das war erst der Anfang, will sagen der Eingang in die Hölle der Gefühls- und Assoziationsbefehle des Bikini Berlins. Ich ging weiter bis eine Tür nach draußen auf die Terrasse des Bikini führte. Man musste dann noch eine kurze Treppe hinaufgehen und die war gleich wieder eine Art Schilderwald aus Sprüchen. music is what feelings sound like, stand auf einem Schild. Und auf einem anderen: something wonderful is about to happen, und wieder auf einem anderen: this place is a magical place, und wieder auf einem anderen: we are creating ourselves endlessly, und wieder auf einem anderen: wünsch dir alles, und wieder auf einem anderen: life is a series of little wonders, und wieder auf einem anderen: i think i deserve something beautiful, und wieder auf einem anderen: everybody is beautiful und mir war schwindelig.

Und es hörte nicht mehr auf. Oben an der Treppe war dann ein Café. In riesigen Lettern leuchteten im Eingangsbereich die Worte: i’m hungry for the power, auf der Tür stand: add a little confetti to each day, und auf einer Schiefertafel standen keine Drink-Angebote sondern: oh baby its a wild world! 

Ich dachte: Vielleicht ist das gesamte Marketing-Team des Bikini Berlins noch während der Corporate-Konzeption an einer gepfefferten Ladung unreinen Kokains gestorben und man hat hier jetzt einfach alles, was man an Brainstormideen fürs Texting noch in den Notizbüchern und Papierkörbern gefunden hat, ausgeschüttet und restverwertet.

Aber wahrscheinlicher ist es natürlich, dass es keinen Unfall gab und das hier alles durchdachte Absicht ist.

Was ist das? Was sagt das aus? Was ist mit Leuten, die glauben, dass Leute das wollen – oder noch sehr viel schlimmer: was ist, wenn Leute das wirklich wollen? Für was hält man sich gegenseitig, wenn man so etwas überall hinschreiben muss?

Nicht, dass man mich falsch versteht. Es ist nicht so, dass ich nette Sprüchlein grundsätzlich ablehne oder mich nicht gern mal von einem guten Freund motivieren oder gut drauf bringen lasse. Ich frage mich nur, was das für eine merkwürdige Motivationscoaching-mit-dem-Vorschlaghammer-Mentalität ist, mit der man da derzeit überall penetriert wird, unentrinnbar, draussen, drinnen, ja sogar bis in die Klamottenwaschzettelchen hinein (es gibt wirklich immer mehr Waschzettel mit blöden Sprüchen wie “always wear me on a first date, you’ll look awesome!” drauf!)? Droht der urbane, global versierte Mensch dermaßen emotional zu verdummen, dass man ihm sagen muss, welche Effekte Dinge auf ihn haben soll, was er zu tun hat und wie genau er über das, was er tut, denken soll, nämlich unbedingt und zu jederzeit hyperoptimistisch und komplett unkritisch?

Wenn ich mir einen Menschen vorstellen soll, der hinter all diesen Sprüchen steht, dann sehe ich jedenfalls immer nur einen: einen todtraurigen Clown, dem mit Holzstöckchen das Maul zum debilen Dauergrinsen aufgespreizt wurde.

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