Insalata Mista

Insalata Mista

Einen einfachen gemischten Salat muss man doch niemandem erklären? Und ob.

Von Mercedes Lauenstein

Widmen wir uns einem der scheinbar unspektakulärsten Klassiker der italienischen Küche: der Insalata mista. Menschen, die ihre Salaterziehung außerhalb Italiens genossen haben oder einen Zutatenmaximalismus à la Ottolenghi für normal erachten, erleiden angesichts der Insalata mista oft einen Schock. Da ist ja nicht mal Dressing dran!

Stimmt, anmachen muss man das Blattwerk einer Insalata mista selbst. Und zwar mit nichts als Olivenöl, gutem Rotweinessig und etwas Salz. Bei der Insalata mista geht es um Strahlkraft der materie prime. Deshalb wäre hier jedes experimentelle Senf-, Honig- oder Joghurtaroma genauso fehl am Platz wie eine zu frühe Vermählung von Salat und Dressing. Weder sollen andere Aromen die feinen Geschmäcker des rohen Gemüses überdecken, noch darf die knackige Komposition durch eine zu lange Reaktion mit Salz, Essig und Öl vorzeitig erschlaffen oder verwässern.

 

Anmachen muss man die Insalata mista selbst – und das aus gutem Grund

 

Die Insalata mista schmeckt auch deshalb selbst zubereitet am besten, weil man in Restaurants allzu oft das zweifelhafte Duo von braunsüßem Balsamico und ranzigen Olivenöl vorgesetzt bekommt. Spätestens hier lohnt sich der oft als pedantisch belächelte Tick mancher Olivenöl-Fetischisten, bei Restaurantbesuchen stets ein Fläschchen gutes Olivenöl bei sich zu führen. Denn in einer Insalata mista lässt sich schlechtes Öl beim besten Willen nicht übertünchen. Auf den Essig kann man zur Not auch verzichten, auf schlechten sowieso. Ein guter Rotweinessig ist deshalb der Essig der Wahl, weil er etwas mehr Umami mitbringt, als ein Weißweinessig, während selbst ein guter Aceto Balsamico zu schwer wäre für das rohe Gemüse.

Kennzeichnend für eine gute Insalata mista ist außerdem das perfekt austarierte Verhältnis verschiedener Gemüsestrukturen und -aromen. Meist thronen bei einer klassischen Insalata mista auf einem luftigen Sammelsurium roher Salatblätter nach Gattung sortierte rohe Gemüsesorten. An ihrer Darbietung lässt sich gut studieren, wie unterschiedliche Schnittformen ein und desselben Gemüses himmelweite sensorische Unterschiede ausmachen können.

Eine gestiftelte Karotte schmeckt anders als eine geraspelte, eine zu kreisrunden Scheiben oder der Länge nach aufgeschnittene Karotte. Und so macht es auch einen Unterschied, in welcher Form die einzelnen Komponenten sich begegnen: Verträgt sich eine zu rustikalen Spalten aufgeschnittene Tomate optimal mit hauchdünn aufgeschnittenem Fenchel und gewürfelten Karotten? Ließe sich das Verhältnis durch eine andere Form optimieren?

 

Nur Olivenöl, Rotweinessig, Salz

 

Was die Mengenverhältnisse der einzelnen Komponenten angeht, kann man sich an die Formel 50:50 halten. Die eine Hälfte setzt sich aus Blattsalaten, die andere Hälfte aus bis zu vier rohen Gemüsesorten zusammen. Wir empfehlen zum Einstieg eine Variante aus Blattsalaten, Tomaten, Karotten, Fenchel und rohen Artischocken.

Die Salatblätter gut waschen und vor allem gut abtrocknen (Wasser im Salat bedeutet bekanntermaßen sein Todesurteil). Es bieten sich hier alle aromatischen und leicht bitteren Blatt- oder Schnittsalate an. Einzig auf den ohnehin faden und wässrigen Eisbergsalat sollte man verzichten. Je nach Saison kann man verschiedene Salate kombinieren oder Spinat und Kohlblätter in die Mischung integrieren.

 

Einen Geizkragen für den Essig, einen Gerechten für das Salz und einen Verrückten für das Öl

 

Blätter in mundgerechte Stücke zerteilen und locker am Boden der Schale anrichten. Auf dieses Bett die fein aufeinander abgestimmte und saisonal passende Auswahl von rohem Gemüse setzen. In unserem Beispiel schmecken die Tomaten besonders gut zu schmalen Spalten geschnitten und die Karotten zu feinen Stiften. Der Fenchel fügt sich wie die rohen Artischockenherzen gut zu dünnen Längsscheiben gehobelt in das Ensemble ein. Die rohen Artischocken zuvor mit etwas Zitronensaft beträufeln, das addiert Frische und bewahrt das Gemüse vor der Oxidation.

In welchem Verhältnis Salz, Rotweinessig und Öl zum Salat kommen, kann man sich anhand eines italienischen Sprichworts leicht merken: A ben condire l’insalata ci vuole un avaro per l’aceto, un giusto per il sale, uno strambo per l’olio: einen Geizkragen für den Essig, einen Gerechten für das Salz und einen Verrückten für das Öl. Richtig: Erst, wenn am Schluss jede Zutat von einem köstlichen Olivenölglanz überzogen ist, bedeutet das den Einsatz von ausreichend Öl.

Dieser Text ist auch in Merum erschienen, dem Italien-Magazin für Wein, Olivenöl, Reisen und Speisen, mit dem wir regelmäßig zusammenarbeiten.