La Minextra

Es ist bestimmt 20 Jahre her, dass ich bei Gualtiero Marchesi essen war. Damals führte er das Restaurant im Hotel “l’Albereta” nahe Bergamo und war bereits einer der besten, und vor allem der erste Koch Italiens, der mit drei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde. Inzwischen ist der große Meister zurück in Mailand, hat Hamburger für McDonalds gestaltet und lehnte die in seinen Augen antiquierte Auszeichnung nach dem Sternesystem ab. Er lasse seine Küche doch nicht von Franzosen bewerten, wird er gerne zitiert. Auch ein Philosoph scheint an ihm verloren gegangen zu sein. Wer das nicht glaubt, dem sei diese Fanseite empfohlen. Dort findet man zum Beispiel diese wundervollen, eventuell etwas dilettantisch ins Deutsche übersetzten Gedanken über Pasta mit Tomatensoße:

“Wenn ich über Pasta mit Tomatensauce nachdenke, erinnert mich das an Vivaldis Primavera (der Frühling): Die Musik ist voller Licht, eine Symphonie der Freude. Es ist eine Explosion der Begeisterung, die ein starkes Gefühl der Wiedergeburt vermittelt, auch eine neuen Saison. Da ist es der Moment, wenn eine Tomate reift und wenn wir damit beginnen, all die frischen Düfte des Mittelmeers wahr zu nehmen. Meine Variante es zu kochen: glänzendes, geschmeidiges Olivenöl, für eine Tomatensauce aus frischen Tomaten, geschält und entkernt zubereitet. Lebensmittel die uns in ihrer Konsistenz und Weichheit ihren wertvollen Gehalt schon erahnen lassen, etwas Basilikum dazu. Und dann ganz leicht angekocht.”

Klingt überzeugend und nachvollziehbar. Genau wie das Rezept für die Minextra, die er im vergangenen Jahr für die Expo in Mailand kreierte. Die Zubereitung dieser einfachen Vorspeise ist schnell erklärt: Frisches Gemüse wird so gegart, dass es gerade noch Biss hat. Dann lässt man es abkühlen. Daneben wird eine Tomaten-Passata gekocht. Aus besten Tomaten, die zuvor von Kernen und Wasser befreit wurden, sodass nur die pure Frucht übrig bleibt. Die Passata wird mit etwas Tabasco gewürzt und – ebenfalls kalt – über die einzelnen Gemüsestücke gegeben. Jetzt noch großzügig Olivenöl darüber und etwas frisch geriebenen Pecorino.

Befolgt man Marchesis Rat und verwendet für jeden einzelnen Schritt nur die besten, frischesten, aromatischsten Zutaten und gibt sich mit der Zubereitung die allergrößte Mühe (das Gemüse muss wirklich al dente sein, die Passata wirklich gut abgeschmeckt sein, das Öl wirklich fantastisch sein), ist diese Vorspeise eine Sensation. So frisch, so leicht, so intensiv und so wunderschön habe ich ein Abendessen selten begonnen. Und sie macht wahnsinnig viel Spaß zuzubereiten.

Hier gibt es ein (leider viel zu kurzes) Video, wo Marchesi das Gericht erklärt. Und wer auch danach nicht genug von ihm hat, dem sei eines seiner unzähligen Bücher ans Herz gelegt. Zum Beispiel das relativ aktuelle “Oltre il fornello”, wo er etwas großmäulig als “König der Köche” im Taschenbuchformat in leicht verständlichem Italienisch über das Kochen philosophiert. Es ist kein Kochbuch, auch keine Biografie. Aber eine angenehme Reiselektüre, die sofort Lust auf ein selbst zubereitetes Abendessen macht.

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