Strandsalat im März

Tarocco-Orangen sind ein poetisches Gewächs, ihr Name klingt wie ein rätselhafter, sommernächtlicher Wind, ihr Fleisch ist blutig und zergeht auf der Zunge. Wer jetzt noch welche kriegt: dieser Salat steht den Früchten hervorragend.

Hin und wieder sollte man zum Zwecke der Alltagserfrischung alles umdrehen. Tagsüber schlafen, nachts wach sein. Den Pulli als Rock anziehen, den Rock als Oberteil. Im Sommer Entenbraten, im Winter Salat. Zum Beispiel diesen Salat. Der sieht nicht nur aus wie ein Sonnenuntergang im Hochsommer, er schmeckt auch so, und das hilft manchmal besser gegen Winterblues als schon wieder nur Chai-Tee und Deckenburrito.

Sehr gut an diesem Salat voll zitrischer Aromen ist auch, dass man  mit seiner Zubereitung nicht gegen den Vorsatz verstößt, nur saisonal zu kochen. Die beste Orange für diesen Salat ist nämlich die sizilianische Tarocco-Orangemit Hauptsaison im Januar und Februar. Tarocco, allein das klingt ja schon wie ein sizilianischer Sommernachtswind, nicht wahr? Andere nennen die Sorte auch Halbblutorange. Ihr Rot entwickelt die Frucht in den frostigen Nächten Siziliens am Fuße des Ätna-Vulkans– je mehr es davon während ihrer Reifezeit gibt, desto blutiger geraten sie. Oh Gott, Vulkan-Nächte, Halbmonde, Blutmonde, Halbblutmonde, da fällt einem ja gleich ein herrlich verkitschter Lyrikband zu ein! Sehr gut, denn im Winter hat man endlich mal Zeit, den auch aufzuschreiben.

Die ideale Begleitung für diese poetischen Früchte sind Fenchel, Radicchio, roten Zwiebeln und kleinen Taggiasche-Oliven aus Ligurien. Unserer bescheidenen Meinung nach kommt es bei diesem Salat sehr darauf an, die einzelnen Zutaten möglichst fein aufzuschneiden und die Orangen unbedingt zu filetieren. Die zähen weißen Orangenhäute bleiben sonst beim Essen ungut pelzig zwischen den Zähnen hängen, zu grob geschnittener Fenchel stößt überall im Mund hart an und erfordert beim Zerkauen zu viel Kiefermuskelkraft.

Also: Orangenfilets vorsichtig auslösen, Radicchio, Fenchel und rote Zwiebeln sehr fein schneiden (nur wenige rote Zwiebeln, das Zwiebelige soll sich im Hintergrund halten). Auf dem Teller anrichten, Taggiasche-Oliven darüber streuen (sie dürfen ruhig im Ganzen bleiben, sie sind ja so zart und klein).

Olivenöl darüber träufeln und dazu am liebsten einen milden, fruchtig-süßen Weißweinessig geben – zum Beispiel ein aus Traubenmost und Weißweinessig gewonnenen Condimento Bianco di Modena, das sechs bis acht Jahre in Eschenholzfässern reift.

Und dann? Wer einen Strand hat, an dem die Sonne scheint, nimmt den Teller dort mithin. Alle anderen stellen sich den Strand einfach vor und beginnen mit der Arbeit am Lyrikband.

M.