Brokkoli affogati

Broccoli affogati

Dieser Brokkoli ist im Rotwein ertrunken. Leidtun muss er einem deshalb nicht. Ganz im Gegenteil.

Von Mercedes Lauenstein

Tod durch Ertrinken, nein, das ist nicht schön, jedenfalls nicht für einen Menschen. Im Falle von Lebensmitteln sieht das völlig anders aus. Man denke nur an einen sogenannten Caffé affogato, ein Eis, das im Espresso ertrinkt, idealerweise ein Haselnusseis. Zerfließe doch, du bist so schön! Oder eben: an die in Olivenöl und sizilianischem Rotwein ertrunkenen Brokkoli-Röschen, namentlich Broccoli affogati.

Gut, an die kann man natürlich schlecht denken, wenn man sie noch gar nicht kennt. Aber dafür sind wir ja da und stellen sie unseren geneigten Lesern vor.

 

Schlüssel des Gerichts ist der Rotwein mit seiner „Wir sagen jetzt mal all deine Termine der nächsten sieben Wochen ab, du bleibst hier auf meinem Landgut mit Blick auf Hügel und Meer und ich leg‘ dir eine Decke um die Schulter und mach‘ den alten Kamin an“-Art

 

Es handelt sich bei dem ertrunkenen Brokkoli um ein traditionell sizilianisches Gericht. Man kann es als Vorspeise kalt oder warm, als Beilage oder als Hauptspeise mit Pasta, pur oder nur zum Butterbrot essen und sich währenddessen und danach wahnsinnig aufgehoben fühlen. Verantwortlich dafür ist natürlich vor allem der Rotwein mit seiner „Wir sagen jetzt mal all deine Termine der nächsten sieben Wochen ab, du bleibst hier auf meinem Landgut mit Blick auf Hügel und Meer und ich leg‘ dir eine Decke um die Schulter und mache den alten Kamin an“-Art. Kennt man ja von ihm.


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Wir reisen mit diesem Brokkoli nach Sizilien und wollen uns das Landgut des sprechenden Rotweins möglichst originalgetreu vorstellen. Deshalb ist es wichtig, einen sizilianischen Rotwein zu verwenden. Der Weinhändler des Vertrauens hat den passenden Nero d’Avola sicher schon bereitgestellt. Abholen und in die Küche tragen.

 

Der Weinhändler des Vertrauens hat den passenden Nero d’Avola für unseren Brokkoli sicher schon bereitgestellt

 

Dort den Brokkoli in seine Röschen zerteilen, großzügig nur das beste Olivenöl (wer es richtig ernst meint, hat natürlich ein sizilianisches parat) in einer großen Pfanne oder einem Topf verteilen, gehackte Zwiebeln und kräftig angedrückten Knoblauch reinwerfen, auf niedriger Flamme garen bis die Zwiebel glasig ist, und je nach Geschmack wenige oder mehrere Sardellenfilets dazugeben und schmelzen lassen. An dieser Stelle muss ein für allemal geklärt werden, dass ein Gericht nicht „fischig“ schmeckt, wenn man Sardellen hinzugibt. Der Trick ist ja, die Menge so zu justieren, dass kein Mensch jemals die Sardellen schmeckt, jeder sich aber fragt was zum Teufel hier so unglaublich gut gewürzt ist. Sardellen sind ein Geschmacksverstärker, kein Geschmacksgeber.

 

Der Trick bei Sardellen ist, die Menge so zu justieren, dass kein Mensch jemals die Sardellen schmeckt, jeder sich aber fragt was zum Teufel hier so unglaublich gut gewürzt ist

 

Brokkoli-Röschen und gehackte Petersilie dazugeben, nur leicht salzen (die Sardellen sind bereits salzig und der später dazukommende Pecorino ebenfalls), etwas pfeffern, Deckel aufsetzen und gute zwanzig Minuten auf niedriger Flamme simmern lassen ohne umzurühren. Anschließend den Knoblauch rausfischen, wegwerfen und den Brokkoli mit zwei großzügigen Gläsern Rotwein ablöschen. Nur ganz vorsichtig mal anheben und bewegen, damit nichts anbrennt, aber bloß nicht rühren, um die Brokkoli-Röschen nicht zu verletzen. Nochmals gute zwanzig Minuten simmern lassen, diesmal ohne Deckel, so dass der Wein nach und nach verdampft. Manche Köche werfen noch ein paar schwarze Oliven in den Topf, wir haben es ohne besonderen Grund nicht getan. Und wenn wir schon bei anderen Köchen sind: Es gibt derer auch welche, die statt Rotwein Weißwein verwenden. Vielleicht schön als sommerliche Variante.

Wie lang die ideale Kochzeit ist, hängt vom Brokkoli ab und vom persönlichen Geschmack. Wer es bissfest mag, reduziert die Zeit, wer den Brokkoli durch mag, gart länger, einfachster Trick wie immer: einfach zwischendurch probieren. Ist er so gut wie gar, einen würzigen Pecorino drüber reiben oder einen in Würfel geschnittenen sizilianischen Toma und noch zwei, drei Minuten simmern lassen bis der Käse geschmolzen ist. Noch etwas frische Petersilie und einen finalen filo d’olio drüber und zur restlichen Rotwein-Flasche servieren.